Bei manchen Männern zeigt sich eine Depression nicht zuerst als Traurigkeit. Sie kann sich in Reizbarkeit, Wut, Alkoholkonsum oder riskantem Verhalten äußern, also in Anzeichen, nach denen gängige Depressionsfragebögen kaum oder gar nicht fragen. Im November läuft Movember, die Kampagne der gleichnamigen Stiftung für Männergesundheit, und der 19. November ist der Internationale Männertag.
- Die Lage: In Frankreich erlebten 12,8 % der Männer im Jahr 2024 eine depressive Episode, und mehr als die Hälfte von ihnen erhielt keinerlei Behandlung.
- Weniger bekannte Anzeichen: Reizbarkeit, Wut, Alkohol, Risikoverhalten, Rückzug, körperliche Beschwerden.
- Fragebögen: Ein niedriger PHQ-9-Wert schließt eine Depression bei einem Mann mit diesen Anzeichen nicht aus.
- Was tun: Wenden Sie sich an Ihre Hausarztpraxis. Bei Suizidgedanken erreichen Sie in Deutschland die TelefonSeelsorge kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wählen Sie die 112.
Weniger erfasste Depressionen, mehr Todesfälle durch Suizid
Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) lebten 6,2 % der erwachsenen Frauen und 4,1 % der erwachsenen Männer im Jahr 2023 mit einer Depression. In Frankreich ergab das Gesundheitsbarometer 2024 der Behörde Santé publique France (34.795 Erwachsene zwischen 18 und 79 Jahren) denselben Unterschied: 18,2 % der Frauen und 12,8 % der Männer hatten im vergangenen Jahr eine depressive Episode im Sinne einer Major Depression.
Männer mit Depression werden zudem seltener versorgt. In dieser französischen Erhebung hatten 53,9 % von ihnen weder eine Fachperson aufgesucht noch eine Psychotherapie gemacht noch Medikamente genommen, gegenüber 37,9 % der Frauen. Selbst bei einer schweren Episode traf das auf 41,2 % der Männer zu. In den USA erhielten 41,6 % der Männer mit einer psychischen Erkrankung im Jahr 2022 eine Behandlung, gegenüber 56,9 % der Frauen.
Bei den Todesfällen durch Suizid ist es umgekehrt: Sie betreffen überwiegend Männer. In Frankreich entfielen fast 3 von 4 Suiziden auf Männer (8.848 Todesfälle im Jahr 2023). Von 2011 bis 2021 lag die durchschnittliche Rate in Frankreich bei 21,2 pro 100.000 Männer gegenüber 6,5 bei Frauen. In England und Wales waren es bei den 2025 registrierten Todesfällen 17,5 gegenüber 5,5 pro 100.000. Weltweit ist die Rate bei Männern 2,2-mal so hoch (Daten von 2021).
Suizid hat viele Ursachen, und diese Zahlen allein beweisen nicht, dass Depressionen bei Männern unterschätzt werden. Doch die Diskrepanz hat Forschende zu der Frage gebracht, ob wir nach den richtigen Anzeichen suchen.
Was die JAMA Psychiatry-Studie von 2013 zeigte
Drei US-Forschende, Martin, Neighbors und Griffith, werteten die Daten einer großen nationalen Erhebung neu aus: der National Comorbidity Survey Replication, durchgeführt zwischen 2001 und 2003. Ihre Analyse, online veröffentlicht am 28. August 2013, umfasst 5.692 Erwachsene, darunter 2.382 Männer.
Sie bildeten zwei Skalen. Die erste zählt nur sogenannte "männertypische" Symptome: Reizbarkeit, Wutanfälle oder Aggression, Schlafprobleme, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Risikoverhalten, Hyperaktivität, Stress und Interessenverlust. Die zweite ergänzt klassische Symptome wie gedrückte Stimmung und Müdigkeit.
- Männer berichteten häufiger als Frauen von Wutanfällen, Substanzmissbrauch und Risikoverhalten.
- Auf der "männertypischen" Skala erfüllten 26,3 % der Männer die Kriterien, gegenüber 21,9 % der Frauen.
- Auf der kombinierten Skala verschwand der Unterschied: 30,6 % der Männer und 33,3 % der Frauen, ein statistisch nicht signifikanter Unterschied.
Diese Prozentsätze sind keine Raten aktueller Depression: Die meisten Fragen bezogen sich auf das gesamte bisherige Leben, andere auf die letzten 30 Tage. Es handelt sich um eine Sekundäranalyse, und die Autoren schlagen nicht vor, diese Skalen in dieser Form zu verwenden. Übermäßiges Arbeiten konnte nicht untersucht werden, weil die Fallzahlen zu klein gewesen wären.
Eine Metaanalyse von 2017 (32 Studien, 108.260 Teilnehmende) weist in dieselbe Richtung: Depressive Männer berichteten häufiger von Alkohol- oder Drogenmissbrauch und Risikoverhalten, depressive Frauen häufiger von gedrückter Stimmung und Veränderungen bei Appetit oder Schlaf. Die Unterschiede waren klein bis mittelgroß: Es sind Tendenzen, keine zwei verschiedenen Krankheiten. Mehr zur Biologie der Depression lesen Sie in Depression und Entzündung: der Kynurenin-Umweg.
Die weniger bekannten Anzeichen
Sie stammen aus den genannten Studien sowie aus Hinweisen von Movember und der französischen nationalen Suizidpräventions-Hotline 3114. Entscheidend ist die Veränderung gegenüber dem, was für die Person normal ist.
- Reizbarkeit und Wut: wegen Kleinigkeiten aus der Haut fahren. Die WHO selbst beschreibt depressive Stimmung als das Gefühl, traurig, gereizt oder leer zu sein.
- Alkohol oder Drogen: mehr trinken oder konsumieren als früher.
- Risikoverhalten: leichtsinniges oder impulsives Verhalten, das untypisch für ihn ist.
- Alles in sich hineinfressen: nicht mehr über Gefühle sprechen, auf alles mit "Mir geht's gut" antworten.
- Körperliche Beschwerden: eine der sechs Dimensionen der MDRS-22-Skala, die weiter unten beschrieben wird.
- Rückzug: Verabredungen absagen, den Sport ausfallen lassen, auf Nachrichten nicht mehr antworten.
- Schlaf und Stress: schlecht schlafen, sich ständig unter Druck fühlen.
Für sich genommen bedeutet keines dieser Anzeichen "Depression". Die 3114 weist darauf hin, dass vor allem eine Häufung von Anzeichen oder eine plötzliche Veränderung aufhorchen lassen sollte. Nur eine Fachperson kann klären, was dahintersteckt.
Eine Skala wurde gezielt rund um diese Anzeichen entwickelt: die Male Depression Risk Scale (MDRS-22), 2013 veröffentlicht von Simon Rice und Kollegen (Universität Melbourne). Ihre 22 Fragen decken sechs Dimensionen ab: emotionale Unterdrückung, Drogenkonsum, Alkoholkonsum, Wut und Aggression, körperliche Symptome und Risikoverhalten. Später an 1.000 online rekrutierten kanadischen Männern getestet, erkannte sie 84,6 % derjenigen, die einen kürzlichen Suizidversuch angaben, gegenüber 53,8 % beim PHQ-9 (mindestens mittelgradiger Wert). Die Zusammenfassung nennt nicht, wie viele Männer das betraf: Es ist ein Hinweis, kein Beweis.
Warum der PHQ-9 sie übersehen kann
Der PHQ-9 folgt den neun DSM-IV-Kriterien für eine Depression: Interessenverlust, gedrückte Stimmung, Schlaf, Müdigkeit, Appetit, negatives Selbstbild, Konzentration, Verlangsamung oder Unruhe sowie Gedanken an den Tod. Er wurde 2001 an 6.000 Patientinnen und Patienten validiert, überwiegend Frauen, und bildete den Gesundheitszustand von Männern ebenso gut ab. Doch keine seiner Fragen betrifft Wut, Alkohol oder Risikoverhalten.
Die CES-D hat eigene Verzerrungen: Unter 2.340 älteren Menschen in den USA mit gleichem Gesamtniveau an depressiven Symptomen kreuzten Frauen die Frage nach Weinanfällen häufiger an.
In der Praxis sollte ein niedriger Wert einen Mann nicht beruhigen, der sich in mehreren dieser Anzeichen wiedererkennt. Diese Fragebögen zur Selbsteinschätzung helfen bei einer Bestandsaufnahme, eine Diagnose stellen sie nicht. Steht die Erschöpfung im Beruf im Vordergrund, misst unser Burnout-Fragebogen (OLBI) etwas anderes: Erschöpfung und Distanzierung am Arbeitsplatz.
Warum so viele Männer keine Hilfe suchen
Eine 2020 veröffentlichte kanadische Umfrage untersuchte 117 Männer mit mittelgradigen Depressionssymptomen im PHQ-9: Nur 8,5 % waren in professioneller Behandlung. Die wichtigsten Hürden lagen eher in der Einstellung als in praktischen Hindernissen: Zurückhaltung, mit dem Arzt über die eigene Stimmung zu sprechen, die Gewohnheit, Probleme allein zu lösen, und Unklarheit darüber, was eine Psychotherapie beinhaltet. Die britische Regierung kam zu einem ähnlichen Befund (Männer suchen möglicherweise seltener Hilfe) in ihrer Strategie für Männergesundheit in England, vorgestellt am 19. November 2025.
Dabei ist eine Depression behandelbar, ob leicht, mittelgradig oder schwer, betont die WHO. Ihre Hausarztpraxis ist eine gute erste Anlaufstelle. Beschreiben Sie in konkreten Worten, was Sie erleben: "Ich raste wegen jeder Kleinigkeit aus", "Ich trinke mehr", "Ich schlafe seit Wochen schlecht". Auch Schlaf und Stress spielen eine Rolle: siehe Schlaflosigkeit behandeln, Depression lindern und Chronischer Stress und das Gehirn.
Wie Sie einen Mann ansprechen, um den Sie sich sorgen
Movember empfiehlt den ALEC-Ansatz, entwickelt von der Organisation R U OK?:
- Fragen (Ask): Sprechen Sie an, was Ihnen aufgefallen ist, zum Beispiel: "Du wirkst in letzter Zeit nicht wie du selbst, geht es dir gut?". Viele sagen "Mir geht's gut", obwohl es nicht stimmt. Fragen Sie ruhig ein zweites Mal nach.
- Zuhören (Listen): ohne zu urteilen und ohne alles lösen zu wollen.
- Zum Handeln ermutigen (Encourage action): mit Vertrauenspersonen sprechen und, wenn er sich seit mehr als zwei Wochen niedergeschlagen fühlt, zum Arzt gehen.
- Dranbleiben (Check in): sich nach dem Gespräch wieder melden.
Der britische Gesundheitsdienst NHS rät zu offenen Fragen und erinnert daran, dass Sie keine Antworten parat haben müssen: Zuhören und das Gesagte ernst nehmen hilft bereits. Die französische 3114 ergänzt: das Problem nicht herunterspielen ("Das wird schon wieder"), niemals versprechen, etwas geheim zu halten, und daran denken, dass Sie als Freund da sind, nicht als Therapeut. Wenn Sie besorgt sind, dürfen Sie direkt fragen: "Denkst du an Suizid?". Darüber zu sprechen bringt niemanden erst auf die Idee, betont die 3114. Eine Metaanalyse von 2022 fand keinen Schaden durch das Nachfragen, auch wenn die Studien vor allem Forschungsfragebögen und Forschungsinterviews betrafen.
Wenn Sie gerade eine schwere Zeit durchmachen
Sie sind nicht allein, und eine Depression ist behandelbar. In Deutschland ist die TelefonSeelsorge Tag und Nacht unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, kostenfrei und anonym. Auch wer sich um einen anderen Menschen sorgt, findet dort Unterstützung. In akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112. Außerhalb Deutschlands wenden Sie sich an die örtliche Notrufnummer.
Häufige Fragen
Ist eine Depression bei Männern wirklich seltener?
Nach Schätzungen der WHO betrifft sie 4,1 % der erwachsenen Männer gegenüber 6,2 % der erwachsenen Frauen. In der Studie von 2013 verschwand der Unterschied jedoch, sobald auch Wut, Alkohol und Risikoverhalten mitgezählt wurden. Die Frage ist nicht abschließend geklärt.
Bedeutet ein niedriger PHQ-9-Wert, dass alles in Ordnung ist?
Nicht unbedingt: Der PHQ-9 fragt nicht nach Wut, Alkohol oder Risikoverhalten. Wenn Sie sich in diesen Anzeichen wiedererkennen, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Was tun, wenn er nicht reden will?
Bleiben Sie in Kontakt und fragen Sie später noch einmal. Die TelefonSeelsorge ist auch für Angehörige und Freunde da, Sie können also für sich selbst anrufen. Spricht er davon, sterben zu wollen, und befürchten Sie eine akute Gefahr, wählen Sie die 112.
Quellen: Martin LA, Neighbors HW, Griffith DM (2013). The Experience of Symptoms of Depression in Men vs Women: Analysis of the National Comorbidity Survey Replication. JAMA Psychiatry 70(10):1100-1106, online veröffentlicht am 28. August 2013. doi:10.1001/jamapsychiatry.2013.1985 (Sekundäranalyse des NCS-R, 2001-2003, 5.692 Erwachsene, davon 2.382 Männer) | Cavanagh A, Wilson CJ, Kavanagh DJ, Caputi P (2017). Differences in the Expression of Symptoms in Men Versus Women with Depression: A Systematic Review and Meta-analysis. Harvard Review of Psychiatry 25(1):29-38. doi:10.1097/HRP.0000000000000128 (systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse, 32 Studien, 108.260 Teilnehmende) | Rice SM, Fallon BJ, Aucote HM, Möller-Leimkühler AM (2013). Development and preliminary validation of the male depression risk scale: furthering the assessment of depression in men. Journal of Affective Disorders 151(3):950-958. doi:10.1016/j.jad.2013.08.013 (Online-Stichproben aus der Allgemeinbevölkerung, ohne diagnostisches Interview: 386 Männer, dann 499 Männer und 291 Frauen) | Rice SM, Ogrodniczuk JS, Kealy D, Seidler ZE, Dhillon HM, Oliffe JL (2019). Validity of the Male Depression Risk Scale in a representative Canadian sample: sensitivity and specificity in identifying men with recent suicide attempt. Journal of Mental Health 28(2):132-140. doi:10.1080/09638237.2017.1417565 (Online-Stichprobe von 1.000 kanadischen Männern) | Rice SM, Oliffe JL, Kealy D, Seidler ZE, Ogrodniczuk JS (2020). Men's Help-Seeking for Depression: Attitudinal and Structural Barriers in Symptomatic Men. Journal of Primary Care & Community Health 11:2150132720921686. doi:10.1177/2150132720921686 (Online-Querschnittsbefragung, 117 Männer) | Kroenke K, Spitzer RL, Williams JB (2001). The PHQ-9: validity of a brief depression severity measure. Journal of General Internal Medicine 16(9):606-613. doi:10.1046/j.1525-1497.2001.016009606.x (6.000 Patientinnen und Patienten aus Allgemeinmedizin und Gynäkologie/Geburtshilfe, 580 davon erneut interviewt) | Cole SR, Kawachi I, Maller SJ, Berkman LF (2000). Test of item-response bias in the CES-D scale: experience from the New Haven EPESE study. Journal of Clinical Epidemiology 53(3):285-289. doi:10.1016/S0895-4356(99)00151-1 (2.340 ältere Erwachsene) | Polihronis C, Cloutier P, Kaur J, Skinner R, Cappelli M (2022). What's the harm in asking? A systematic review and meta-analysis on the risks of asking about suicide-related behaviors and self-harm with quality appraisal. Archives of Suicide Research 26(2):325-347. doi:10.1080/13811118.2020.1793857 (17 Studien bewertet, 8 metaanalytisch ausgewertet) | Leon C, Perrin L, Gillaizeau I, Papadopoulos A (2025). Épisodes dépressifs : prévalence et recours aux soins. Baromètre de Santé publique France, résultats de l'édition 2024 (auf Französisch). Santé publique France | Santé publique France: Suicides et tentatives de suicide, données (auf Französisch, aktualisiert am 5. Januar 2026) | Hazo JB, Aubain L, Cadillac M (2026). Le suicide, trois fois plus fréquent chez les hommes, deux fois plus chez les plus modestes (auf Französisch). DREES, Études et résultats Nr. 1364 | ONS: Suicides in England and Wales: 1981 to 2025 (13. Oktober 2026) | WHO: Depressive disorder (depression) | WHO: Suicide worldwide in 2021: global health estimates (2025) | NIMH: Mental Illness (NSDUH-Daten 2022) | Department of Health and Social Care: Government unveils England's first ever Men's Health Strategy (November 2025) | Movember: So erkennt man die Anzeichen für eine Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit und FAQ (auf Englisch) | NHS: Help for suicidal thoughts (auf Englisch) | 3114: Comment reconnaître les signes de détresse und Que dire ? Quoi faire ? (auf Französisch) | TelefonSeelsorge: TelefonSeelsorge Deutschland und Erste Hilfe in suizidalen Krisen (Juni 2024)
