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ADHS oder Autismus: Wenn Eltern es erst nach ihrem Kind erfahren

Jools Oliver erhielt ihre Autismus-Diagnose erst nach der ihrer Kinder. Die Genetik hilft, diesen Weg zu erklären: ADHS und Autismus sind stark erblich. Was Zwillings- und Familienstudien zeigen und was Sie tun können, wenn Sie sich wiedererkennen.

FindYourNeurotype Team 4 November 2026 9 Min. Lesezeit

ADHS und Autismus sind zu einem großen Teil erblich: Wenn ein Kind eine Diagnose erhält, ist es nicht ungewöhnlich, dass sich ein Elternteil in der Beschreibung wiedererkennt. Genau das hat Jools Oliver, die Frau des Kochs Jamie Oliver, Ende Oktober 2026 erzählt. Ihre Geschichte ist persönlich, doch die Wissenschaft erklärt diesen Weg vom Kind zum Elternteil recht gut.

  • Die Nachricht: Jools Oliver, 51, erhielt vor etwa vier Jahren die Diagnose ADHS und nach den Diagnosen ihrer Kinder die Diagnose Autismus.
  • Die Genetik: Die Erblichkeit wird auf etwa 74 % für ADHS und 80 % für Autismus geschätzt. Diese Zahl beschreibt eine Bevölkerung, nicht eine einzelne Person.
  • Bei den Eltern: In einer Studie mit 323 Kindern mit ADHS lag in 41 % der Familien mindestens ein Elternteil über dem Schwellenwert eines ADHS-Fragebogens.
  • Was tun: Notieren Sie Beispiele, auch aus Ihrer Kindheit, und sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.

Was Jools Oliver erzählt hat

Im britischen Podcast Lessons From Our Mothers, moderiert von Cressida Bonas und Isabella Branson (Folge vom 25. Oktober 2026), berichtete Jools Oliver, dass sie vor etwa vier Jahren die Diagnose ADHS erhielt, also mit ungefähr 47 Jahren. Dann erfuhr sie, dass einige ihrer Kinder autistisch sind, fand, dass das sehr nach ihr selbst klang, und ließ sich untersuchen: Auch bei ihr wurde Autismus diagnostiziert.

Als Superkraft sieht sie das nicht: Sie beschreibt etwas Ermüdendes und sagt, sie habe den größten Teil ihres Lebens geglaubt, ihre Schwierigkeiten hätten eine andere Ursache. Gleichzeitig beschreibt sie ein echtes Band des Verständnisses mit denjenigen ihrer Kinder, die autistisch sind, und sagt, sie verstehe sie vollkommen. Über ihre Aussagen berichteten am 26. Oktober Hello! und The Independent.

Späte Diagnosen betreffen nicht nur Mütter: Der Schauspieler Simon Pegg, 56, machte am 8. Oktober 2026 im Podcast I'm ADHD! No You're Not seine ADHS-Diagnose öffentlich.

Eine verlässliche Statistik dazu, wie viele Eltern nach ihrem Kind eine Diagnose erhalten, haben wir nicht gefunden. Der zugrunde liegende Mechanismus ist aber gut belegt: die Genetik.

Erblichkeit: Was Zwillinge zeigen

Um den Einfluss der Gene abzuschätzen, vergleichen Forschende eineiige Zwillinge, die fast ihre gesamte DNA teilen, mit zweieiigen Zwillingen, die etwa die Hälfte teilen, oder sie verfolgen Millionen von Geschwistern in nationalen Registern.

  • ADHS: Eine 2019 in Molecular Psychiatry veröffentlichte Übersichtsarbeit von Stephen Faraone und Henrik Larsson berichtet über 37 Zwillingsstudien hinweg eine mittlere Erblichkeit von 74 %.
  • Autismus: Eine schwedische Studie, 2017 in JAMA erschienen (37.570 Zwillingspaare und mehr als 2,6 Millionen Geschwisterpaare), schätzt sie auf 83 %. Eine weitere, 2019 in JAMA Psychiatry veröffentlicht, mit 2.001.631 Kindern aus fünf Ländern, davon 22.156 autistisch, kommt auf etwa 80 %.

Vorsicht bei der Deutung dieser Zahl. Die Erblichkeit misst, welcher Anteil der Unterschiede zwischen Menschen in einer bestimmten Bevölkerung durch genetische Unterschiede erklärt wird. Sie bedeutet nicht, dass 74 % der ADHS einer Person aus ihren Genen stammen, und auch nicht, dass ein Elternteil sie mit einer „Wahrscheinlichkeit“ von 74 % weitergibt. Außerdem liegt sie nicht bei 100 %, es bleibt also Raum für andere Faktoren. Mehr dazu in unserem Artikel darüber, was 37 Zwillingsstudien wirklich über ADHS zeigen.

Ein „ADHS-Gen“ oder ein „Autismus-Gen“ gibt es ebenfalls nicht. Für ADHS erklärt dieselbe Übersichtsarbeit, dass jede genetische Variante für sich genommen nur eine sehr kleine Wirkung hat: Ein Teil der Erblichkeit geht auf viele häufige Varianten mit kleiner Wirkung zurück, ein anderer auf seltene Varianten. Ein Elternteil kann also einen Teil dieser Veranlagung tragen, ohne die Kriterien für eine Diagnose zu erfüllen, und ein Kind kann eine Diagnose erhalten, obwohl kein Elternteil eine hat. Gene weiterzugeben ist niemandes Schuld.

Wie viele Eltern sind betroffen?

  • ADHS: In einer 2010 in The Journal of Pediatrics veröffentlichten Studie mit 323 Kindern mit ADHS und ihren beiden Eltern lagen 27 % der Mütter und 23 % der Väter über dem Schwellenwert eines ADHS-Fragebogens, den sie selbst ausfüllten, und in 41 % der Familien mindestens ein Elternteil. Eine deutsche Studie von 2016 (79 Familien) fand 41 % bei den Müttern und 51 % bei den Vätern, allerdings hatte weniger als die Hälfte der angefragten Familien geantwortet.
  • Autismus: Bei Eltern messen Forschende vor allem den „erweiterten Autismus-Phänotyp“: mildere autistische Merkmale (soziale Zurückhaltung, Schwierigkeiten mit den ungeschriebenen Regeln des Gesprächs, Rigidität), die die Schwelle für eine Diagnose nicht erreichen. In einer Studie von 2013 mit 1.692 Eltern fanden sich diese Merkmale je nach gemessener Dimension bei 14 bis 23 % der Eltern autistischer Kinder, gegenüber 5 bis 9 % der Eltern in der Vergleichsgruppe.
  • Über Diagnosen hinweg: In schwedischen Registern (fast 1,9 Millionen Menschen) haben Angehörige autistischer Menschen (Zwillinge, Geschwister, Halbgeschwister, Cousins und Cousinen) häufiger ADHS als Angehörige nicht autistischer Menschen. Das spricht für teilweise gemeinsame genetische Faktoren.

Diese Zahlen haben Grenzen: Sie beruhen meist auf Fragebögen, die die Eltern selbst ausgefüllt haben, nicht auf Diagnosen. Eine 2018 veröffentlichte Übersichtsarbeit zu 41 Studien über Eltern autistischer Kinder fand Anteile von 2,6 % bis 80 %, je nach verwendetem Instrument und Stichprobe. Die 17 Studien mit einer Vergleichsgruppe fanden diese Merkmale aber alle häufiger bei Eltern autistischer Kinder. Auch die britische ADHS-Leitlinie des NICE nennt ein enges Familienmitglied mit ADHS-Diagnose unter den Situationen, in denen ADHS häufiger vorkommen kann.

Warum es jahrzehntelang unbemerkt blieb

Wer heute 40 oder 50 ist, ist mit anderen Kriterien aufgewachsen. In einer 2015 in The Lancet Psychiatry erschienenen Übersichtsarbeit beschreiben Meng-Chuan Lai und Simon Baron-Cohen eine „verlorene Generation“ autistischer Erwachsener, die als Kinder keine Diagnose des „klassischen“ Autismus erhalten hätten, bevor die Kriterien erweitert wurden und sich die Vorstellung eines Spektrums durchsetzte. Im Erwachsenenalter gibt es oft niemanden mehr, der die frühe Kindheit schildern kann, die Person hat gelernt zu kompensieren oder sich zu tarnen, und andere Erkrankungen (Angst, Depression) verwischen das Bild.

Frauen sind besonders betroffen. Eine Metaanalyse von 54 Studien aus dem Jahr 2017 schätzt, dass das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Betroffenen beim Autismus eher bei 3 zu 1 liegt als bei den oft genannten 4 zu 1, und kommt zu dem Schluss, dass offenbar eine geschlechtsbezogene Verzerrung bei der Diagnose zulasten von Mädchen besteht. Für ADHS weist das NICE darauf hin, dass Mädchen und Frauen seltener zur Abklärung überwiesen werden und möglicherweise häufiger eine falsche Diagnose einer anderen Erkrankung erhalten. Diese Mechanismen, darunter das Tarnen (Camouflaging), beschreiben wir in unserem Artikel zur späten ADHS- und Autismus-Diagnose bei Frauen.

Die Diagnose des Kindes verändert etwas: Der Elternteil liest die Kriterien, beschreibt das Verhalten des Kindes im Detail und erkennt sich manchmal in den eigenen Antworten wieder. Das NICE empfiehlt sogar, bei der ADHS-Abklärung eines Kindes auch die psychische Gesundheit der Eltern zu beurteilen.

Erkennen Sie sich in der Diagnose Ihres Kindes wieder?

Sich wiederzuerkennen ist keine Diagnose, aber ein guter Grund, darüber zu sprechen.

  1. Notieren Sie konkrete Beispiele aus Ihrem heutigen Alltag: Organisation, Vergesslichkeit, Beziehungen, Müdigkeit nach sozialen Kontakten, Bedürfnis nach Routinen. Konkrete Situationen sind mehr wert als ein allgemeiner Eindruck. Unser Artikel über Autismus-Anzeichen bei Erwachsenen, die oft übersehen werden, kann Ihnen helfen, Worte dafür zu finden.
  2. Suchen Sie nach Spuren aus Ihrer Kindheit: Zeugnisse, Bemerkungen von Lehrkräften, Erinnerungen Ihrer Eltern oder Geschwister. Die Abklärung stützt sich auf Ihre Entwicklungsgeschichte und auf den Blick von Menschen, die Sie kennen.
  3. Sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt und erwähnen Sie die Diagnose Ihres Kindes: Sie ist eine nützliche Information, und die Praxis kann Sie überweisen. Wie die Abklärung bei Erwachsenen abläuft und wie lange sie dauert, hängt von Ihrem Land und Ihrem Gesundheitssystem ab.
  4. Um Worte für Ihr Erleben zu finden, können unsere Fragebögen zur Selbsteinschätzung Ihnen helfen, das Gespräch vorzubereiten: der ADHS-Fragebogen für Erwachsene (ASRS), der AQ-10 zu autistischen Merkmalen und der CAT-Q, der soziales Camouflaging misst. Ihr Ergebnis ist keine Diagnose: Das NICE weist darauf hin, dass ADHS nicht allein auf Grundlage eines Fragebogens diagnostiziert werden sollte.

Bei allen Fragen zur Behandlung sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Und wie die Erfahrung von Jools Oliver nahelegt: Wer die eigene Funktionsweise versteht, kann oft auch das eigene Kind besser verstehen.

Häufige Fragen

Wenn mein Kind ADHS hat, habe ich dann zwangsläufig auch ADHS?

Nein. In der oben genannten Studie mit 323 Familien lag in fast 6 von 10 Familien keiner der beiden Elternteile über dem Schwellenwert des Fragebogens. ADHS hängt von vielen genetischen Varianten mit kleiner Wirkung ab, und die Erblichkeit liegt nicht bei 100 %.

Kommt es eher von der Mutter oder vom Vater?

Von keinem der beiden im Besonderen. In der Fünf-Länder-Studie wurde der Anteil der Variation des Autismusrisikos, der auf einen spezifisch mütterlichen Effekt zurückgeht, auf 0,4 % bis 1,6 % geschätzt, und die Autoren kommen zu dem Schluss, dass ein solcher Effekt nicht gestützt wird. Bei Eltern autistischer Kinder fand die Übersichtsarbeit von 2018 mildere autistische Merkmale häufiger bei Vätern, allerdings nicht in jeder Studie; bei ADHS weisen die beiden oben genannten Studien in entgegengesetzte Richtungen. Diese Unterschiede sagen nicht, von welchem Elternteil es „kommt“.

Kann man mit 45 oder 50 noch eine Diagnose bekommen?

Ja. Das NICE empfiehlt, ADHS in allen Altersgruppen in Betracht zu ziehen, und laut der Übersichtsarbeit von Lai und Baron-Cohen gilt eine erste Autismus-Diagnose im Erwachsenenalter inzwischen als wichtiges klinisches Thema. Die Abklärung sucht allerdings nach Anzeichen, die seit der Kindheit bestehen, auch wenn sie damals niemand bemerkt hat.

Quellen: Lessons From Our Mothers, Folge mit Jools Oliver (Podcast, 25. Oktober 2026); Aussagen wiedergegeben von G. Strong, Hello!, 26. Oktober 2026 | PA Media, Simon Pegg reveals ADHD diagnosis, The Irish News, 8. Oktober 2026 | Faraone SV, Larsson H (2019). Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry 24(4):562-575. doi:10.1038/s41380-018-0070-0 (Übersichtsarbeit, mittlere Erblichkeit über 37 Zwillingsstudien) | Sandin S, Lichtenstein P, Kuja-Halkola R, Hultman C, Larsson H, Reichenberg A (2017). The Heritability of Autism Spectrum Disorder. JAMA 318(12):1182-1184. doi:10.1001/jama.2017.12141 (schwedische Kohorte, Geburtsjahrgänge 1982 bis 2006: 37.570 Zwillingspaare, 2.642.064 Paare leiblicher Vollgeschwister) | Bai D, Yip BHK, Windham GC et al. (2019). Association of Genetic and Environmental Factors With Autism in a 5-Country Cohort. JAMA Psychiatry 76(10):1035-1043. doi:10.1001/jamapsychiatry.2019.1411 (Kohorte von 2.001.631 Kindern in Dänemark, Finnland, Schweden, Israel und Westaustralien; 22.156 mit Autismus) | Takeda T, Stotesbery K, Power T, Ambrosini PJ, Berrettini W, Hakonarson H, Elia J (2010). Parental ADHD status and its association with proband ADHD subtype and severity. The Journal of Pediatrics 157(6):995-1000.e1. doi:10.1016/j.jpeds.2010.05.053 (323 Trios, ADHS der Eltern per Selbstbeurteilungsskala) | Starck M, Grünwald J, Schlarb AA (2016). Occurrence of ADHD in parents of ADHD children in a clinical sample. Neuropsychiatric Disease and Treatment 12:581-588. doi:10.2147/NDT.S100238 (79 Familien, Deutschland, Fragebögen, Rücklaufquote 44 %) | Sasson NJ, Lam KS, Childress D, Parlier M, Daniels JL, Piven J (2013). The broad autism phenotype questionnaire: prevalence and diagnostic classification. Autism Research 6:134-143. doi:10.1002/aur.1272 (1.692 Eltern) | Rubenstein E, Chawla D (2018). Broader autism phenotype in parents of children with autism: a systematic review of percentage estimates. Journal of Child and Family Studies 27(6):1705-1720. doi:10.1007/s10826-018-1026-3 (systematische Übersichtsarbeit, 41 Studien) | Ghirardi L, Brikell I, Kuja-Halkola R et al. (2018). The familial co-aggregation of ASD and ADHD: a register-based cohort study. Molecular Psychiatry 23(2):257-262. doi:10.1038/mp.2017.17 (schwedische Register, 1.899.654 Personen) | Lai MC, Baron-Cohen S (2015). Identifying the lost generation of adults with autism spectrum conditions. The Lancet Psychiatry 2(11):1013-1027. doi:10.1016/S2215-0366(15)00277-1 (Übersichtsarbeit) | Loomes R, Hull L, Mandy WPL (2017). What Is the Male-to-Female Ratio in Autism Spectrum Disorder? A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 56(6):466-474. doi:10.1016/j.jaac.2017.03.013 (54 Studien) | Hull L, Mandy W, Lai MC et al. (2019). Development and Validation of the Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q). Journal of Autism and Developmental Disorders 49(3):819-833. doi:10.1007/s10803-018-3792-6 (354 autistische und 478 nicht autistische Erwachsene) | NICE (2018). Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87), Empfehlungen 1.2.1, 1.2.2 und 1.3.1 bis 1.3.5

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