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Eineiige Zwillinge, 15 IQ-Punkte Unterschied: Gene oder Schule?

Getrennt aufgewachsen, lagen eineiige Zwillinge bei sehr verschiedener Schulbildung 15 IQ-Punkte auseinander. Doch die Stichprobe ist winzig, und eine Studie mit deutschen Zwillingen betont das Gewicht der Gene. Was die Studien wirklich zeigen.

FindYourNeurotype Team 4 November 2026 7 Min. Lesezeit

Eineiige Zwillinge, die in verschiedenen Familien aufwachsen, liegen im Schnitt 15 IQ-Punkte auseinander, wenn ihre Schulbildung sehr verschieden war, aber weniger als 6 Punkte, wenn sie ähnlich war. Das ist die auffällige Zahl aus einer 2025 veröffentlichten Neuauswertung. Sie beruht jedoch auf etwa zehn Paaren und auf alten Fällen. 2026 kam eine schwedische Studie mit 440 deutschen Zwillingspaaren zu dem Schluss, dass die Gene den größten Teil des Zusammenhangs zwischen IQ und Erfolg in Ausbildung und Beruf erklären. Müssen Sie sich für eine Seite entscheiden? Nein, sofern Sie verstehen, was „erblich“ bedeutet.

  • Getrennt aufgewachsene Zwillinge: im Schnitt 5,8 Punkte Unterschied bei ähnlicher Schulbildung, 15,1 Punkte bei sehr unterschiedlicher Schulbildung (insgesamt 87 Paare, etwa zehn in der Gruppe mit dem stärksten Kontrast).
  • Deutsche Zwillinge: Der mit etwa 23 Jahren gemessene IQ sagt Bildung und Beruf mit etwa 27 Jahren voraus, und genetische Faktoren erklären 69 bis 98 % dieses Zusammenhangs. Weder Einkommen noch Vermögen wurden gemessen.
  • Das Wichtigste: Im Durchschnitt wiegen die Gene schwer, doch große Unterschiede in der Umwelt können den Wert eines einzelnen Menschen verschieben.

Warum getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge die Forschung interessieren

Eineiige (monozygote) Zwillinge haben dieselbe DNA. Werden sie früh getrennt und wachsen in zwei Familien auf, können ihre Unterschiede nicht von den Genen kommen: Sie stammen aus der Umwelt und zum Teil aus der Ungenauigkeit der Tests. Laut der Neuauswertung von 2025 fanden die großen Studien zu diesen Zwillingen einen Unterschied von etwa 8 IQ-Punkten und eine Intraklassenkorrelation von etwa 0,75 (1, wenn beide Zwillinge immer denselben Wert erzielen, 0, wenn sie sich nicht stärker ähneln als zwei Fremde). Zum Vergleich: Auf einer Skala mit dem Mittelwert 100 und der Standardabweichung 15 unterscheiden sich zwei zufällig ausgewählte Menschen im Schnitt um etwa 17 Punkte (eine einfache statistische Rechnung). Diese Ähnlichkeit diente lange als Argument für einen starken Einfluss der Gene auf den IQ.

Die Neuauswertung von 2025: Zwillinge nach Schulbildung sortiert

Jared Horvath und Katie Fabricant (Fachzeitschrift Acta Psychologica, Mai 2025) werfen den klassischen Studien vor, Dutzende Paare gemittelt zu haben, ohne Lebenserfahrungen wie die Bildung zu berücksichtigen. Sie sammelten alle im Lauf eines Jahrhunderts veröffentlichten Fälle, die den IQ-Wert jedes Zwillings und seine Lebensgeschichte enthielten: 87 Paare, eingeteilt danach, ob ihre Schulbildung ähnlich, etwas unterschiedlich oder sehr unterschiedlich gewesen war.

Schulbildung der beiden ZwillingeMittlerer IQ-UnterschiedIntraklassenkorrelation
Ähnlich5,8 Punkte0,87
Etwas unterschiedlich12,1 Punkte0,80
Sehr unterschiedlich15,1 Punkte0,56

Bei sehr unterschiedlicher Schulbildung nähert sich der Abstand zwischen zwei Menschen mit derselben DNA also dem zwischen zwei Fremden. Die Autoren fordern, die Verwendung der Zwillingskorrelation als Maß für den Einfluss der Gene zu überdenken. Forschungsteams, die nur Mittelwerte veröffentlicht haben, sollten ihre Einzeldaten teilen.

Was diese Studie nicht beweist

  • Eine winzige Gruppe: Die Gruppe „sehr unterschiedlich“ umfasst nur etwa zehn Paare. Ein einziges ungewöhnliches Paar kann den Mittelwert verschieben.
  • Alte Daten: Fälle, die im Lauf eines Jahrhunderts veröffentlicht wurden, aus verschiedenen Epochen und mit verschiedenen IQ-Tests.
  • Ein Zusammenhang, kein Beweis für eine Ursache: Niemand hat die Schulbildung der Zwillinge ausgelost. Der Zwilling, der kaum zur Schule ging, ist vielleicht auch ärmer aufgewachsen. Und ein Kind, dem der Unterricht leichtfällt, bleibt eher länger in der Ausbildung.
  • Nicht das Ende der Gene: Selbst in der Gruppe mit dem stärksten Kontrast bleiben die Werte der Zwillinge korreliert (0,56).

Steigert die Schule wirklich den IQ?

Ja, und belastbarere Studien zeigen das. 2018 fassten Stuart Ritchie und Elliot Tucker-Drob 142 Schätzungen aus 42 Datensätzen zusammen (mehr als 600.000 Teilnehmende). Ihre Methoden umgehen das Henne-Ei-Problem: den vor der zusätzlichen Ausbildung gemessenen IQ berücksichtigen, Reformen nutzen, die die Schulpflicht für eine ganze Generation verlängert haben, oder Kinder vergleichen, die kurz vor oder kurz nach dem Stichtag für die Einschulung geboren wurden. Ergebnis: etwa 1 bis 5 IQ-Punkte pro zusätzlichem Bildungsjahr, ein Effekt, der bis ins spätere Leben anhält. Für die Autoren ist Bildung das robusteste bisher bekannte Mittel, um Intelligenz zu steigern. Der Befund bei den Zwillingen ist also plausibel, auch wenn seine genaue Größe unsicher bleibt.

Die deutschen Zwillinge: IQ mit 23, Status mit 27

Am 2. Februar 2026 veröffentlichte Petri Kajonius (Universität Lund, Schweden) in Scientific Reports eine Auswertung des TwinLife-Panels, das seit 2014 mehr als 4.000 deutsche Familien begleitet: 228 eineiige und 212 gleichgeschlechtliche zweieiige Zwillingspaare. Der IQ wurde mit etwa 23 Jahren durch einen computergestützten Test des schlussfolgernden Denkens gemessen, der die fluide Intelligenz erfasst und nicht das Wissen (zwei Facetten, deren Genetik sich teilweise unterscheidet, siehe Zwei Arten von klug). Mit etwa 27 Jahren wurde der sozioökonomische Status über das Bildungsniveau und den Beruf erfasst (Berufsprestige, sozioökonomische Klasse).

  • Der IQ mit 23 korreliert mit diesen Maßen zwischen 0,27 und 0,43. Er erklärt nur 7 bis 18 % der Unterschiede im Status, betont der Autor.
  • Die Erblichkeit des IQ wird auf etwa 75 % geschätzt (Korrelation von 0,76 zwischen eineiigen und von 0,32 zwischen zweieiigen Zwillingen), ein hoher Wert für junge Erwachsene, wie der Autor anmerkt.
  • Genetische Faktoren erklären 69 bis 98 % des Zusammenhangs zwischen dem IQ und dem Status mit 27.

Vorsicht bei Schlagzeilen. Eine englischsprachige Schlagzeile sprach von „Vermögen“ (wealth), und die Pressemitteilung der Universität Lund (31. März 2026) nennt das Einkommen. Die Studie misst weder das eine noch das andere, sondern nur Bildung und Beruf. Eingeräumte Grenzen: IQ und soziale Herkunft der Eltern wurden nicht berücksichtigt, die Nachbeobachtung dauert nur vier Jahre, Daten zum Beruf fehlen zum Teil, und das Modell ist vereinfacht. Finanzierung: Universität Lund, keine Interessenkonflikte angegeben.

Schließlich bedeutet „durch die Gene erklärt“ nicht „unabhängig von der Schule“. Der genetische Anteil umfasst auch das, was Gene über die Umwelt bewirken: Beim Aufwachsen wählt jeder Mensch seine Erfahrungen zum Teil nach seinen Neigungen aus. Das könnte laut den Autoren einer Studie mit 11.000 Zwillingspaaren erklären, warum die Erblichkeit des IQ mit dem Alter zunimmt.

Gene oder Schule: Warum beide Ergebnisse zusammenpassen

Die Erblichkeit (Heritabilität) ist der Anteil der Unterschiede zwischen den Menschen einer Population zu einem bestimmten Zeitpunkt, der mit genetischen Unterschieden zusammenhängt. Sie beschreibt eine Gruppe, keinen Einzelnen: 75 % Erblichkeit bedeutet nicht, dass 75 % Ihres IQ von Ihren Genen stammen.

Sie hängt auch von den vorhandenen Umwelten ab: Je ähnlicher diese sind, desto mehr gehen die verbleibenden Unterschiede auf die Gene zurück. Im heutigen Deutschland ist die Schulzeit lang und für alle Pflicht, und die Unterschiede in der Schulbildung sind wahrscheinlich viel kleiner als bei manchen getrennten Zwillingen früherer Zeiten. Bei diesen schwankte die Umwelt stark, und das sieht man. Ein klassisches Bild fasst es zusammen: Auf demselben Feld wachsen Samen je nach ihren Genen höher oder niedriger, aber der Unterschied zwischen einem fruchtbaren und einem kargen Feld kommt vom Boden.

Eine Übersichtsarbeit von 2018 beschreibt Erblichkeit und Formbarkeit als nebeneinander bestehend und stellt fest, dass die üblichen Maße das Zusammenspiel von Genen und Umwelt schlecht erfassen, was den Anteil, der den Genen zugeschrieben wird, aufblähen kann. Mehr darüber, was die DNA erklären kann und was nicht, lesen Sie in 1 Million Genome, 1.260 Varianten, und die DNA erklärt noch immer keine 10 % Ihrer Persönlichkeit.

Was das für Sie bedeutet

  • Ihr IQ ist nicht festgeschrieben: Eine hohe Erblichkeit ist kein Schicksal, und Bildungsjahre haben einen messbaren Effekt. Zwillingsstudien beschreiben Populationen, nicht Ihr „Potenzial“.
  • Ein Online-Ergebnis ist eine Schätzung: Unser IQ-Test (20 Fragen) und unser vollständiger IQ-Test (80 Fragen, vier Bereiche) vergleichen Ihr Ergebnis mit dem der Menschen, die sie auf der Website gemacht haben, nicht mit einer repräsentativen Stichprobe. Das ist kein klinischer IQ: Den liefert nur eine Testung bei einer Psychologin oder einem Psychologen.
  • Hochbegabung ist etwas anderes: Unser Fragebogen zur Hochbegabung dient der Selbsteinschätzung von Merkmalen, die oft mit Hochbegabung in Verbindung gebracht werden, und ist kein IQ-Test. Keines dieser Ergebnisse ist eine Diagnose.

Häufige Fragen

Ist der IQ erblich?

Zu einem großen Teil, bezogen auf eine Population: Je nach Alter führen Zwillingsstudien etwa 20 % der IQ-Unterschiede im Säuglingsalter und vielleicht 80 % im höheren Erwachsenenalter auf genetische Unterschiede zurück. Erblich heißt nicht unveränderlich: Auch die Schule zählt.

Können eineiige Zwillinge sehr unterschiedliche IQ-Werte haben?

Ja. Getrennt aufgewachsen und mit sehr unterschiedlicher Schulbildung lagen sie in der Neuauswertung von 2025 im Schnitt 15 Punkte auseinander. Diese Zahl stammt aber von etwa zehn Paaren, und ein Teil jedes Unterschieds geht auf die Ungenauigkeit der Tests zurück.

Sagt der IQ mit 23 das Vermögen mit 27 voraus?

Die TwinLife-Studie hat weder Vermögen noch Einkommen gemessen, nur Bildung und Beruf. Der IQ erklärte dort nur 7 bis 18 % der Unterschiede im Status.

Quellen: Horvath JC, Fabricant K (2025). IQ differences of identical twins reared apart are significantly influenced by educational differences. Acta Psychologica 257:105072. doi:10.1016/j.actpsy.2025.105072 (Neuauswertung veröffentlichter Fälle, 87 getrennt aufgewachsene eineiige Zwillingspaare) | Kajonius PJ (2026). Longitudinal associations between cognitive ability and socioeconomic status are partially genetic in nature. Scientific Reports 16:4315. doi:10.1038/s41598-026-37786-3 (Längsschnitt-Zwillingsstudie, deutsches TwinLife-Panel, 228 eineiige und 212 gleichgeschlechtliche zweieiige Zwillingspaare) | Universität Lund (31. März 2026). New twin study highlights the power of genetics (Pressemitteilung) | Ritchie SJ, Tucker-Drob EM (2018). How much does education improve intelligence? A meta-analysis. Psychol Sci 29(8):1358-1369. doi:10.1177/0956797618774253 (Metaanalyse quasi-experimenteller Studien, 142 Effektgrößen, 42 Datensätze, mehr als 600.000 Teilnehmende) | Haworth CMA, Wright MJ, Luciano M et al. (2010). The heritability of general cognitive ability increases linearly from childhood to young adulthood. Mol Psychiatry 15(11):1112-1120. doi:10.1038/mp.2009.55 (11.000 Zwillingspaare, 4 Länder) | Plomin R, Deary IJ (2015). Genetics and intelligence differences: five special findings. Mol Psychiatry 20(1):98-108. doi:10.1038/mp.2014.105 (Übersichtsarbeit) | Sauce B, Matzel LD (2018). The paradox of intelligence: heritability and malleability coexist in hidden gene-environment interplay. Psychol Bull 144(1):26-47. doi:10.1037/bul0000131 (Übersichtsarbeit)

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