Im Durchschnitt berichten Erwachsene mit ADHS von mehr Impulskäufen und haben häufiger Probleme mit Geld. Doch die Studien zeichnen ein differenzierteres Bild als die „ADHS-Steuer“ aus den sozialen Medien. Black Friday und die Feiertage stehen vor der Tür: Hier lesen Sie, was die Forschung belegt, was sie nicht sagt, und welche einfachen Schutzmaßnahmen der gesunde Menschenverstand nahelegt.
- Was gesichert ist: In Schweden steigen, auf Basis echter Kreditdaten, die Zahlungsausfälle von Erwachsenen mit ADHS-Diagnose in der Lebensmitte deutlich an, selbst bei vergleichbarem Einkommen und Bildungsstand.
- Was differenziert ist: In einer niederländischen Studie mit 1.292 Erwachsenen wurde der Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Impulskäufen minimal, sobald Persönlichkeit, depressive Symptome und soziodemografische Faktoren berücksichtigt waren.
- Was helfen kann: Käufe aufschieben, gespeicherte Karten löschen, eine Liste schreiben. Gesunder Menschenverstand: Wir haben keine Studie gefunden, die das bei ADHS getestet hat.
Mehr Impulskäufe, aber nicht nur wegen ADHS
Eine Studie der Universität Groningen (Niederlande) erschien am 12. Oktober 2020 in PLoS One. Zwischen 2014 und 2019 füllten 1.292 Erwachsene im Alter von 18 bis 93 Jahren Online-Fragebögen aus. Diagnosen wurden nicht überprüft: Die Gruppen wurden anhand selbst berichteter Symptome gebildet, darunter 46 Personen mit „ADHS“-Profil, 57 mit dem Profil „ADHS nur im Erwachsenenalter“ und 265 ohne Symptome, vergleichbar in Alter, Geschlecht und Bildung.
Die Gruppen mit Symptomen berichteten von mehr Impulskäufen (ein moderater Unterschied, d = 0,47, in der Gruppe „nur im Erwachsenenalter“), wichen finanziellen Entscheidungen häufiger aus und sparten weniger: 19,6 % der „ADHS“-Gruppe sparten für die Rente, gegenüber 41,5 % der Gruppe ohne Symptome. Einkommen und Schulden unterschieden sich dagegen nicht signifikant.
Doch hier liegt die Nuance: Über alle Teilnehmenden hinweg erklärten ADHS-Symptome, nachdem Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen, Persönlichkeit und depressive Symptome berücksichtigt waren, nur noch zusätzliche 0,2 % der Unterschiede bei Impulskäufen, ein Beitrag, der bei der strengen Schwelle der Autoren nicht signifikant war. Am meisten zählten: eine Neigung zu negativen Gefühlen, Extraversion, geringe Gewissenhaftigkeit (weniger Ordnungssinn), weibliches Geschlecht und jüngeres Alter.
Das beweist nicht, dass ADHS keine Rolle spielt: Die Autoren weisen darauf hin, dass ADHS-Symptome selbst mit einigen dieser Persönlichkeitsmerkmale zusammenhingen. Aber Impulskäufe sind keine „Signatur“ von ADHS. Es handelt sich um eine Querschnittsstudie (Zusammenhänge, keine Ursachen) ohne klinische Diagnose. In einer kleinen klinischen Stichprobe hatte dasselbe Team deutlichere Unterschiede gefunden: 2019 berichteten 45 Erwachsene mit diagnostizierter ADHS von geringerem Einkommen, hatten häufiger Schulden und seltener ein Sparkonto als 51 Kontrollpersonen.
Das Bindeglied: warten können
Eine isländische Studie, erschienen am 30. September 2024 in Clinical Psychology in Europe, verglich 225 Erwachsene, die eine ADHS-Diagnose angaben und über den isländischen ADHS-Verband gewonnen wurden, mit 121 Studierenden. Auf einer Impulskauf-Skala von 9 bis 45 erreichte die ADHS-Gruppe im Mittel 30,8, gegenüber 19,6. Der Zusammenhang zwischen Symptomen und Impulskäufen lief statistisch über die Fähigkeit, eine Belohnung aufzuschieben. Von den Autoren genannte Grenzen: nicht überprüfte Diagnosen, Gruppen mit unterschiedlichem Alter und Bildungsstand und ein Modell, das keine Ursache beweisen kann.
Das Ergebnis passt zu einer Metaanalyse von 2016 (21 Studien, 3.913 Teilnehmende): Menschen mit ADHS wählen häufiger einen kleinen Betrag sofort statt eines größeren später, ein mittelgroßer Unterschied (d = 0,43). Das deckt sich mit der Sicht des Forschers Russell Barkley, für den ADHS vor allem eine Störung der Selbstregulation ist (unser Faktencheck dazu).
Echte Kreditdaten: Schweden
Eine deskriptive Studie, erschienen am 30. September 2020 in Science Advances, verknüpfte die Register zur psychischen Gesundheit von ganz Schweden (11,55 Millionen Menschen) mit Kredit- und Zahlungsrückstandsdaten der Jahre 2010 bis 2013 aus einer Zufallsstichprobe von 189.267 Personen, davon 1.970 mit ADHS-Diagnose.
Bei vergleichbarem Einkommen, Bildungsstand, Geschlecht und Begleiterkrankungen (Angststörungen, Depression, Suchterkrankungen, Autismus) starten Erwachsene mit ADHS mit normalen Ausfallraten ins Erwachsenenleben. Die Lücke öffnet sich später: Um das 40. Lebensjahr erreicht ihr Ausfallrisiko einen Höchstwert von mehr als dem Sechsfachen der Allgemeinbevölkerung. Das ist ein relativer Wert, der nicht sagt, wie viele Menschen betroffen sind, und die Autoren betonen, dass viele offene Forderungen kleine Beträge betreffen, etwa Strafzettel fürs Falschparken. Warum, sagt die Studie nicht.
In den USA zeigte eine von der Kindheit bis zum Alter von 25 Jahren begleitete Kohorte (517 junge Erwachsene, davon 309 mit ADHS-Diagnose im Kindesalter, 88 % männlich) bei denjenigen mit ADHS eine größere finanzielle Abhängigkeit von der Familie und von Sozialleistungen sowie niedrigere Einkommen.
Und das „fast dreimal so häufig Probleme mit Schulden“?
Diese Zahl stammt aus einer Umfrage, die die britische Digitalbank Monzo 2022 bei YouGov in Auftrag gab, nicht aus einer wissenschaftlichen Studie. Laut der Bank gaben 31 % der Menschen mit ADHS an, mit Schulden zu kämpfen, gegenüber 11 % der anderen, und 76 % sagten, Geldprobleme belasteten ihre psychische Gesundheit, gegenüber 38 %. Laut The Guardian nahmen 506 Menschen mit ADHS teil. Methode nicht veröffentlicht, ADHS selbst angegeben, kein Peer-Review: Diese Zahlen vermitteln einen Eindruck vom Erleben, keine verlässliche Messung. Was die Forschung zu ADHS, Angst und Depression zeigt, lesen Sie in unserem Artikel zum Thema.
Warum Geld schwerer fallen kann
- Der Sog des „Jetzt“: die oben beschriebene Schwierigkeit zu warten (siehe auch unseren Artikel über Belohnung im Gehirn bei ADHS und Autismus). In einer US-Online-Umfrage mit 544 Erwachsenen gingen mehr hyperaktiv-impulsive Symptome (nicht unaufmerksame) mit mehr verspäteten Kreditkartenzahlungen und mehr Schulden einher.
- Zeit: „Zeitblindheit“ (ein populärer Ausdruck, keine Diagnose) kann dazu führen, dass Sie eine Zahlungsfrist oder das Ende einer kostenlosen Testphase übersehen. Unsere Selbsteinschätzung zur Zeitblindheit kann etwas Klarheit bringen.
- Gefühle: Man kauft auch, um sich besser zu fühlen. In der niederländischen Studie war die emotionale Komponente der Impulskäufe in der Gruppe „ADHS nur im Erwachsenenalter“ stärker ausgeprägt.
- Papierkram aufschieben: Dieselbe Studie fand einen eher „vermeidenden“ Entscheidungsstil, der finanzielle Entscheidungen hinauszögert. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, sehen Sie sich unseren Fragebogen zur Prokrastination an.
Vor dem Black Friday: einfache Schutzmaßnahmen
Countdowns, „nur noch wenige verfügbar“, Bezahlen mit einem Klick: Diese Techniken setzen auf Dringlichkeit und Unmittelbarkeit, genau dort, wo die Studien die Schwierigkeit verorten. Die folgenden Ideen beruhen auf gesundem Menschenverstand: Soweit wir wissen, wurden sie bei ADHS nicht getestet.
- Eine Pause einbauen: den Artikel in den Warenkorb legen und am nächsten Tag entscheiden.
- Hürden schaffen: gespeicherte Karten in Onlineshops löschen und das Bezahlen mit einem Klick abschalten.
- Vorher entscheiden: eine schriftliche Liste und ein im Voraus festgelegtes Budget für die Feiertage, auf einem eigenen Konto oder in einem Umschlag.
- Anreize abstellen: Newsletter abbestellen, Shopping-Benachrichtigungen ausschalten.
- Automatisieren: Lastschriften für Rechnungen, eine Erinnerung vor dem Ende kostenloser Testphasen.
- Das Gefühl benennen: „Brauche ich das, oder will ich mich besser fühlen?“
Ohne Schuldgefühle: Das ist kein Mangel an Willenskraft. Um eine mögliche ADHS einzuordnen, kann unsere Selbsteinschätzung zu ADHS bei Erwachsenen (ASRS v1.1) helfen. Ihr Ergebnis ist keine Diagnose: Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Wenn Geld zur Quelle großer Sorgen wird
Wenn sich Schulden anhäufen, wenden Sie sich an eine Schuldnerberatung. In Deutschland helfen anerkannte Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen, zum Beispiel der Caritas oder der Verbraucherzentralen; auch Ihre Kommune, Ihr Sozialamt oder Ihr Jobcenter kann Ihnen eine Stelle nennen. Die Kostenübernahme ist nicht bundesweit einheitlich geregelt, fragen Sie daher vorab nach möglichen Kosten (Überblick im Familienportal des Bundes). In anderen Ländern hilft eine Schuldnerberatung vor Ort. Die schwedische Studie beobachtete außerdem, dass bei Erwachsenen mit ADHS die schwersten finanziellen Schwierigkeiten mit einem höheren Suizidrisiko einhergingen. Das ist ein Zusammenhang, kein Schicksal: Wenn Sie Suizidgedanken haben, rufen Sie in Deutschland die TelefonSeelsorge an, 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenfrei, Tag und Nacht erreichbar), im Notfall die 112; in anderen Ländern die örtliche Notrufnummer. Es gibt Hilfe.
Häufige Fragen
Gibt man mit ADHS zwangsläufig mehr Geld aus?
Nein. Die Studien zeigen Unterschiede im Durchschnitt, mit großen individuellen Unterschieden, und Impulskäufe sind auch ohne ADHS verbreitet.
Was ist die „ADHS-Steuer“?
Ein Ausdruck aus den sozialen Medien, kein wissenschaftliches Konzept: Mehrkosten durch Vergesslichkeit und Impulsivität (Mahngebühren, vergessene Abos, bereute Käufe). In der Monzo-Umfrage schätzten betroffene Befragte sie auf etwa 1.600 Pfund pro Jahr, ohne veröffentlichte Berechnungsmethode.
Impulskauf oder zwanghaftes Kaufen: Was ist der Unterschied?
Der Impulskauf, ungeplant und spontan entschieden, ist weit verbreitet. Zwanghaftes Kaufen ist ein wiederkehrender, schwer kontrollierbarer Drang zu kaufen, der echtes Leid verursacht. Wenn Sie nicht mehr aufhören können oder Ihre Käufe zu Schulden, Konflikten oder Leidensdruck führen, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Kann ein Online-Fragebogen sagen, ob meine Ausgaben von ADHS kommen?
Nein. Eine Selbsteinschätzung hilft Ihnen, Ihre Schwierigkeiten zu beschreiben und einen Termin vorzubereiten. Eine Diagnose kann nur eine qualifizierte Fachperson stellen.
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