Eine Channel-4-Dokumentation, "The Great ADHD Myth?", praesentiert vom Psychiater und Journalisten Dr. Max Pemberton, kam zum Schluss, ADHS sei ein "soziales Konstrukt" statt einer neurologischen Entwicklungsstoerung. Innerhalb weniger Tage drehte sich die Geschichte weniger um die Behauptungen der Doku als darum, wie sie zustande kamen.
Die Expertin aus dem Film sagt, sie wurde verzerrt dargestellt
Professorin Katya Rubia, Professorin fuer kognitive Neurowissenschaft am King's College London und eine der weltweit meistzitierten ADHS-Neuroimaging-Forscherinnen, wurde in der Dokumentation selbst interviewt. Sie hat oeffentlich erklaert, ihr stundenlanges Interview sei "selektiv herausgepickt, gekuerzt und aus dem Zusammenhang gerissen" worden, um zur Erzaehlung des Programms zu passen, ADHS existiere nicht und habe keine Grundlage im Gehirn. Sie sagt, sie habe gerade deshalb zugesagt, weil sie den Blickwinkel des Films kannte und die Gegenposition liefern wollte. Der Fairness halber: Channel 4 antwortete, man sei "ueberzeugt, dass Katya Rubias Beitrag fair geschnitten wurde" und ihre Einwilligung informiert war.
Die Expertenreaktion war einhellig
Das britische Science Media Centre sammelte Reaktionen von Forschenden zahlreicher Institutionen: Universitaet Cardiff, Royal College of Psychiatrists (dessen Praesident, kein Geringerer), Brighton and Sussex Medical School, King's College London, Universitaet Bournemouth und mehr. Nicht einer verteidigte das Programm. Ihre Kernpunkte: ADHS zeigt eine Erblichkeit von etwa 70 bis 80%, drei Jahrzehnte konsistenter Neuroimaging-Befunde einschliesslich der grossen ENIGMA-Hirnvolumen-Analysen, und eine entscheidende Unterscheidung, die die Doku verwischte: Zu sagen, eine Diagnoseschwelle sei "konstruiert", ist etwas voellig anderes, als zu sagen, die zugrunde liegende Erkrankung sei nicht real. Jede Diagnoseschwelle in der Medizin ist konstruiert. Die Schwierigkeiten, die sie beschreibt, sind es nicht.
Das "Experiment" im Film, das nichts beweist
Das emotionale Kernstueck der Doku begleitete Mason, einen 10-Jaehrigen, dessen ADHS-Medikation waehrend der Dreharbeiten abgesetzt wurde, und dessen Mutter sagte, er habe sein "Funkeln" zurueck. Was Zuschauer vielleicht nicht registrierten: Das Absetzen des Medikaments ging mit rund sechs gleichzeitigen Lebensstilaenderungen einher, Ernaehrungsumstellung, Bildschirme entfernt, mehr individuelle Familienzuwendung, und mehr. Wie die Experten betonten, ist das eine Anekdote ueber ein einziges Kind mit Erwartungs- und Beobachtereffekten, bei der nichts einer einzelnen Aenderung zugeschrieben werden kann. Und es gibt ein Detail, das die These des Films selbst untergraebt: In Woche fuenf dokumentierte seine Lehrerin, dass er "stoerender, gespraechiger, zappeliger" wurde, ein Muster, das voellig damit uebereinstimmt, dass ein Medikament bei einer realen Erkrankung nachlaesst.
Was an der Debatte legitim ist
Um den zugrunde liegenden Fragen gerecht zu werden: steigende Diagnoseraten, die Qualitaet von Untersuchungen und die Bereitschaft zur Medikamentenverschreibung sind echte, lohnende Debatten, die Forschende selbst staendig fuehren. Aber es liegt eine grosse Luecke zwischen "wir sollten Diagnose- und Behandlungspraktiken pruefen" und "die Erkrankung existiert nicht". Die Belege, genetisch, bildgebend, laengsschnittlich, stehen fest auf einer Seite dieser Luecke, und die Expertin, die die Doku selbst ausgewaehlt hat, sagt, ihre Worte wurden zur anderen Seite hin verbogen.
Fazit
Wenn die Schlussfolgerung einer Doku es erfordert, die eigene Expertin zurechtzuschneiden, leistet die Schlussfolgerung die Arbeit, die die Belege nicht hergaben. Wenn dir weiter "ADHS ist nicht real"-Inhalte begegnen, ist die Antwort nicht Empoerung, sondern Quellenarbeit: die Erblichkeitsdaten, die Bildgebungsdaten, und jetzt die oeffentliche Erklaerung der Wissenschaftlerin, die der Film selbst zitierte.
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Quellen: Science Media Centre, "Expert reaction to the TV show The Great ADHD Myth?" (2026). Prof. Katya Rubia, oeffentliche Erklaerungen gegenueber New Scientist und der Presse (2026). Channel-4-Stellungnahme der Fairness halber zitiert. Hintergrundbelege: Hoogman et al., Lancet Psychiatry (2017); Faraone und Larsson, Molecular Psychiatry (2019). Bildungszusammenfassung, keine Diagnose oder medizinische Beratung.