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Lange Wartezeit auf eine ADHS- oder Autismus-Diagnostik? Was Sie jetzt tun können

In England schreiben einige NHS-Behörden inzwischen eine Mindestwartezeit von bis zu zwei Jahren vor einer ADHS- oder Autismus-Diagnostik vor. Diese Zeit muss nicht verloren sein: Was Sie sinnvoll vorbereiten können und wo Sie Hilfe finden, wenn es Ihnen schlechter geht.

FindYourNeurotype Team 5 Oktober 2026 7 Min. Lesezeit

Am 25. September 2026 berichtete die britische Zeitung The Guardian, dass mehrere Behörden des NHS, des staatlichen Gesundheitsdienstes in England, Menschen mit Verdacht auf ADHS oder Autismus inzwischen eine feste Mindestwartezeit auferlegen, bevor sie überhaupt untersucht werden: in einer Region zwei Jahre. Wenn Sie auf einer Warteliste stehen oder bald darauf landen, ist das entmutigend. Doch die kommenden Monate müssen nicht leer bleiben. Gut genutzt, können sie Ihre spätere Diagnostik klarer und nützlicher machen.

Was in England geschieht

Laut The Guardian, der sich auf eine Auswertung von Finally Seen stützt, einer Organisation, die Einschränkungen der freien Anbieterwahl dokumentiert, haben 15 „Integrated Care Boards“ (die regionalen NHS-Stellen, die die Versorgung bezahlen) mit zusammen 19 Millionen Menschen eine Form der Rationierung von ADHS- und Autismus-Diagnostik eingeführt: jährliche Obergrenzen für die Zahl der bezahlten Untersuchungen oder Prioritätskriterien, die die Diagnostik den schwersten Fällen vorbehalten.

Die Schlagzeile spricht von einer „Mindestwartezeit von zwei Jahren“ bei vier dieser Stellen. Im Detail ist das Bild vielfältiger:

  • West Yorkshire: mindestens zwei Jahre ab Überweisung für alle, die eine Diagnostik bei einem unabhängigen Anbieter wünschen.
  • North East and North Cumbria: etwa 78 Wochen Mindestwartezeit bis zu einem ersten Termin bei den privaten Anbietern, die sie finanziert.
  • Somerset: mindestens 52 Wochen.
  • Devon: mindestens 14 Wochen.

Die Mindestwartezeiten betreffen vor allem den Weg über das „Recht auf Wahl“, bei dem eine unabhängige, vom NHS bezahlte Klinik die Untersuchung übernimmt. Solche Kliniken führen heute die Hälfte der vom NHS bezahlten ADHS-Untersuchungen und ein Drittel der Autismus-Untersuchungen durch. Insgesamt warten in England rund 960.000 Menschen auf eine ADHS-Diagnostik und 295.000 auf eine Autismus-Diagnostik.

Patientenorganisationen reagierten scharf. ADHD UK nannte die zweijährige Mindestwartezeit „skandalös“. Die National Autistic Society wies darauf hin, dass man in der Praxis oft eine Diagnose braucht, um Unterstützung zu bekommen.

Nicht nur ein britisches Problem

Auch anderswo steigt die Nachfrage. Ein Nachrichtenbeitrag der Fachzeitschrift JAMA vom 18. September 2026 beschreibt, wie in den USA immer mehr Erwachsene ihre Hausärztin oder ihren Hausarzt um eine ADHS-Abklärung bitten. Eine dort zitierte Psychiaterin aus Yale berichtet, dass etwa jede fünfte Person mittleren Alters in ihrer Praxis nach einer Abklärung fragt. Das ist die Erfahrung einer einzelnen Praxis, keine landesweite Statistik, aber sie spiegelt einen echten Trend. In Frankreich hat die nationale Gesundheitsbehörde (HAS) 2024 eingeräumt, dass zu wenige und ungleich verteilte Fachleute die Zeit bis zur Diagnose bei Kindern mit ADHS verlängern.

Was Sie in der Wartezeit sinnvoll tun können

Keiner der folgenden Schritte bringt Sie auf der Liste nach vorn, und keiner ersetzt die Diagnostik. Sie helfen der Fachperson, und sie helfen Ihnen.

  • Führen Sie einige Wochen lang ein Tagebuch Ihrer Schwierigkeiten. Notieren Sie konkrete Situationen statt Etiketten: „Zug verpasst, weil ich wieder die Zeit vergessen habe“, „Feier nach 20 Minuten verlassen, der Lärm war unerträglich“. Halten Sie fest, wie oft das vorkommt und was es Sie bei der Arbeit, zu Hause oder in Beziehungen kostet.
  • Suchen Sie Spuren aus der Kindheit. Für ADHS verlangen die Diagnosekriterien, dass mehrere Symptome schon vor dem 12. Lebensjahr vorhanden waren. Bei Autismus müssen die Merkmale von der frühen Entwicklung an bestehen, auch wenn sie erst später deutlich wurden oder überdeckt waren. Alte Zeugnisse, Bemerkungen von Lehrkräften („träumt“, „redet zu viel“, „spielt lieber allein“), Hefte oder Unterlagen aus der Kinderarztpraxis können helfen.
  • Fragen Sie Menschen, die Sie früher kannten. Eltern, ältere Geschwister oder eine langjährige Partnerin oder ein langjähriger Partner können beschreiben, was sie beobachtet haben. Fachleute schätzen diesen Blick von außen oft, und manche Stellen schicken Angehörigen einen Fragebogen.
  • Bereiten Sie den Termin vor. Schreiben Sie eine einzige Seite: Ihre wichtigsten Schwierigkeiten, seit wann sie bestehen, Ihre Krankengeschichte und aktuelle Behandlungen, andere Diagnosen und die Fragen, die Sie stellen möchten.
  • Nutzen Sie einen validierten Screening-Fragebogen, um Ihre Gedanken zu ordnen. Der ASRS-v1.1-Fragebogen zum ADHS-Screening bei Erwachsenen (18 Fragen, etwa 10 Minuten) oder der AQ-10-Fragebogen zum Autismus-Screening (10 Fragen, etwa 3 Minuten), ein kurzer Fragebogen, den das britische NICE Fachleuten bei Erwachsenen nahelegt, können zeigen, welche Bereiche hervorstechen, und Ihnen Worte dafür geben. Ein Screening-Ergebnis ist keine Diagnose und verkürzt die Wartezeit nicht. Die von JAMA befragten Fachleute betonen, dass ein solcher Fragebogen nur ein Ausgangspunkt ist: Eine echte Abklärung betrachtet die gesamte Lebensgeschichte und schließt andere Erklärungen aus. Seien Sie vorsichtig bei Angeboten, die eine schnelle Diagnose vor allem auf Basis eines Fragebogens versprechen.
  • Legen Sie nicht alles andere auf Eis. Angst, gedrückte Stimmung, Schlafprobleme oder Erschöpfung können schon jetzt behandelt werden: Dafür müssen Sie nicht auf eine ADHS- oder Autismus-Diagnostik warten. Sprechen Sie mit Ihrer Hausarztpraxis, wenn sich etwas verändert, und prüfen Sie von Zeit zu Zeit, ob Sie noch auf der Liste stehen.
  • Achten Sie auf die Grundlagen und suchen Sie Unterstützung. Regelmäßiger Schlaf, einfache Routinen, Bewegung und weniger überladene Tage helfen den meisten Menschen, ganz gleich, wie das Ergebnis ausfällt. Selbsthilfegruppen und Patientenvereinigungen bieten Informationen und Kontakt zu Menschen in derselben Lage.

Wenn es Ihnen schlechter geht

Eine Warteliste darf Sie nie davon abhalten, in einer Krise Hilfe zu holen. Wenn Sie Gedanken haben, sich etwas anzutun oder Ihr Leben zu beenden, holen Sie sich jetzt Hilfe. In Deutschland erreichen Sie die TelefonSeelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, bei akuter Gefahr den Notruf 112. In Österreich hilft die Telefonseelsorge unter 142, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143.

Was das für Sie bedeutet

Lange Wartezeiten sind ein echtes Problem, und es ist nicht Ihre Aufgabe, es zu lösen. Was Sie tun können: mit klaren Beispielen, Spuren aus der Kindheit und einem Blick von außen zur Diagnostik kommen. Wenn Sie noch mit keiner Ärztin und keinem Arzt gesprochen haben, ist ein kostenloser Screening-Fragebogen ein guter Weg, dieses erste Gespräch vorzubereiten: der ADHS-Test (ASRS-v1.1), der Autismus-Test AQ-10 oder der Neurotyp-Test, der fünf Dimensionen Ihres Profils auf einmal zeigt. Bringen Sie Ihre Ergebnisse dann zu einer Fachperson.

Quellen: Bawden A, Campbell D. "NHS bodies in England impose two-year minimum wait for ADHD and autism assessments." The Guardian, 25. September 2026 (auf Grundlage einer Auswertung von Finally Seen). Schweitzer K. "As More Adults Seek ADHD Care, Primary Care Clinicians Are Tasked With Getting the Diagnosis Right." JAMA, Medical News, online veröffentlicht am 18. September 2026. DOI 10.1001/jama.2026.16679. Haute Autorité de santé (HAS), Empfehlungen zu ADHS bei Kindern und Jugendlichen, September 2024. Zeitungsbericht und medizinischer Nachrichtenbeitrag, keine wissenschaftlichen Studien.

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